Regisseur Chris Marker: Was ist in seinen 576 Kisten? - WELT (2025)

Ein riesiges Lebenswerk in 576 Kisten: Die Cinémathèque française bereitet den Nachlass des legendären Filmemachers Chris Marker fulminant auf – und legt sich mit seinen Nachkommen an.

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Eines der erstaunlichsten Exponate in der Ausstellung, die die Cinémathèque française momentan dem Filmemacher Chris Marker widmet, ist eine Handvoll Fotografien, die so winzig sind, dass sie in eine Streichholzschachtel passen. Mit bloßem Augen ist auf diesen Miniaturen von Gesichtern und Alltagssituationen kaum etwas zu erkennen. Sie sind Zeugnisse einer sparsameren Zeit (Mitte der 50er-Jahre), denen seither ein hübscher poetischer Nutzen zugewachsen ist.

„Les 7 vies d’un cinéaste“ heißt die Schau, in Anlehnung an die sieben Leben, die man Markers Lieblingstier, der Katze, zuschreibt. Zugleich erweist der Titel der unüberschaubaren Vielgestaltigkeit seines Werks eine Reverenz. Wer Marker als Regisseur von „Sans soleil – Unsichtbare Sonne“, „Rot liegt in der Luft“ und „Am Ende des Rollfelds“ kannte, wird mit ungekannten Facetten seines Schaffens vertraut gemacht, darunter der Arbeit als Publizist, Schriftsteller, Verleger, glühend antikolonialistischer und politisch wachsamer Filmemacher sowie als Multimediakünstler und Avantgardist des Internets; auch als Fernsehpionier tritt er in Erscheinung: 1950 lancierte er mit seinem Freund Alain Resnais die Serie „La clé des songes“, in der allwöchentlich die interessantesten Träume der Zuschauer verfilmt wurden.

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In der christlichen Numerologie steht die Sieben für das Vollkommene, ist zugleich aber ein Synonym für Unendlichkeit. Marker hätte diese Differenz gefallen, sie spiegelt sich in seinem Leben als Archivar. Er war ein unermüdlicher Sammler von Fundstücken aus einer zeichenhaften Welt, deren Eigentümlichkeiten er mit staunend bewunderndem Blick deutet. Sie sind eine Recherche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; kein anderer Filmemacher konnte diese drei Zeitebenen in einer einzigen Einstellung so bezwingend montieren wie er.

Die Verhandlungen mit seinen sieben Erben waren zäh

Für Costa-Gavras, den langjährigen Freund des Filmemachers und Präsidenten der Pariser Cinémathéque, sowie deren Leiter Frédéric Bonnaud, ist Marker vor allem der Filmemacher des Pariser Mai 1968. Deshalb war es eine Ehrensache, einen prunkenden Überblick über sein Werk zum 50. Jubiläum zu präsentieren. Damit fährt die Institution eine erste Ernte des Nachlasses ein, den sie ein Jahr nach dem Tod des Regisseurs erwerben konnte. Damit stellte sie sich einer gewaltigen Herausforderung. Es galt nicht nur, Herr des geistreichen Chaos zu werden, das Marker in 576 Kisten hinterlassen hatte.

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Die Verhandlungen mit seinen sieben Erben, hochbetagten Cousins sechsten Grades, waren zäh. Die Angehörigen der mütterlichen und der väterlichen Linie entzweiten sich ständig. Dennoch trat die Erbengemeinschaft die Rechte der nicht kommerziellen Nutzung an die Institution ab, was diese legitimiert, Ausstellungen, wissenschaftliche Kolloquien etc. zu veranstalten. Der Verkauf eines Katalogs hingegen gilt als kommerzielle Nutzung – eine Besonderheit des französischen Urheberrechts, mit der seit Langem diverse Ausstellungsprojekte zu Filmthemen ringen.

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Ein Erbe verhinderte bereits die Neuauflage einiger der wichtigsten Bücher Markers bei Actes Sud, seine zweibändige Essaysammlung „Commentaires“ sowie den Fotoband „Coréennes“, der aus einer Reise nach Nordkorea hervorging, die Marker 1958 mit Claude Lanzmann unternahm. Auch Kulturministerin Françoise Nyssen, die zuvor den Verlag geleitet hatte, konnte ihn nicht zum Einlenken bewegen. „Wenige Tage vor Drucklegung entschieden Costa-Gavras, Frédéric Bonnaud und ich“, berichtet Joël Daire, Leiter der Sammlungen der Cinémathèque, „die Veröffentlichung des Katalogs nicht von einem Mann blockieren zu lassen, der nicht den geringsten Bezug zum Kino hat und offensichtlich versucht, den Autor Chris Marker endgültig zu begraben.“

Einem Unsichtbaren das Gesicht zurück geben

Damit hat sich die Cinémathèque auf heikles juristisches Terrain vorgewagt, aber das Ergebnis gibt ihr künstlerisch recht. Das Buch ist eine einzigartig ideen- und materialreiche Erkundung von Markers Werk. Es wird für lange Zeit das Standardwerk über ihn bleiben und verfügt sogar, höchst ungewöhnlich für ein französisches Filmbuch, über ein Namensregister. Zahlreiche Weggefährten und ausgewiesene Spezialisten eröffnen je eigene Perspektiven.

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Es gibt nicht vor, das Rätsel Marker ein für alle Mal zu lösen. Aber es erstattet, das ist kein geringes Verdienst, einem Unsichtbaren sein Gesicht zurück. Als die Regisseure der Nouvelle Vague zu Medienberühmtheiten wurden, arbeitete Marker daran, unentdeckt zu bleiben. Zwar führte er ein reges soziales Leben, war Trauzeuge von Agnès Varda und Jacques Demy, unterhielt enge Freundschaften mit Simone Signoret, Yves Montand und eben Costa-Gavras. Aber bisher war nur ein Bild bekannt, das ihn nach 1960 zeigt: eine Fotomontage, die Marker neben seinem Kater Guillaume als letzten, filmenden Überlebenden der „Titanic“ porträtiert. Sein Wunsch, hinter seinem Werk zurückzutreten, findet ein zwiespältiges Echo in der aktuellen Publikumsresonanz: Während die Retrospektive hervorragend besucht ist, bleiben die Ausstellungsräume meist leer.

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Das ist umso bedauerlicher, weil sie großzügig Einblick gewähren in das Laboratorium eines Künstlers, der die Welt mit emphatischer politischer Neugier bereiste und dessen Arbeit in Museen und Kinos auf allen Kontinenten zirkuliert. Ausstellung und Katalog legen überdies eine Spur aus, die ein hiesiges Filmmuseum aufgreifen sollte: das Verhältnis des ehemaligen Résistance-Kämpfers Marker zu Deutschland. Nach dem Krieg nutzte er jede Gelegenheit, das geteilte Land zu besuchen, engagierte sich für die Bildung von Filmklubs, übersetzte Konrad Lorenz, nahm an Begegnungen und Tagungen (auch der Gruppe 47) teil und setzte 1967 mit seinem Besuch des Filmfestivals in Leipzig ein cinephiles Signal, das eine enorme politische Ausstrahlung hatte.

„Les 7 vies d'un cinéaste“: bis 29..7. Pariser Cinémathèque; vom 19. 9. bis 6.1. 2019 im Palais des Beaux-Arts in Brüssel. Der Katalog kostet 45 Euro.

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Author: Moshe Kshlerin

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